Die Sachsen Bubble oder das große Gruppenwichsen für Nazis


Wenn man Berlin Mitte mit der S-Bahn in Richtung Osten verlässt, denn überquert man kurz hinter Adlershof eine unsichtbare Grenze.

Also die Grenze an sich ist unsichtbar; dass sich etwas verändert hat, fällt einem sofort ins Auge, sofern man natürlich gelernt hat, seinen Augen auch zu erlauben, Dinge zu sehen, wahrzunehmen, die nicht unmittelbar ins vorgefasste Bild passen. Dinge, die nicht nur in der Mitte, sondern auch am östlichen Rand statt finden.

Ja, auch am westlichen Rand finden Dinge statt und auch am südlichen und das nicht nur in Berlin, in der BRD oder dem eigenen Weltbild.

Nur das Wahrnehmen findet selten außerhalb der eigenen Mitte statt. Und dann ist da auch immer noch eine Menge Platz am rechten Rand. Drum haben wir auch kein kleines Problem rechts, sondern ein großes in der Mitte – aber dazu gleich.

Noch bin ich im Osten, kurz hinter Berlin. Hinter der Grenze; der unsichtbaren. Ich wohne seit einer Weile da, ich bin sprichwörtlich das Letzte von Berlin. Hier ist Edge-Land. Hinter mir fängt Brandenburg an. Für die Hamburger, Kölner und Münchner – das ist der Vorort von Sachsen.

Wenn Besuch aus anderen Ländern vorbeikommt, rufen die auch schon mal erschrocken vom Bahnhof um die Ecke an und fragen zur Sicherheit nach, ob sie nicht doch schon in Polen gelandet sind und da steckt jetzt genau so viel Polemik, wie Wahrheit drin.

Genau so, wie in der Aussage, dass die Menschen hier anders aussehen, sich anders kleiden, andere Autos fahren und ganz andere Probleme haben.

20, 30 Kilometer hinter Berlin.

Und jetzt fahrt noch mal hundert Kilometer weiter. Die Frisuren sehen auch anders aus, wenn der Friseur Montags wirklich noch geschlossen hat und man sich Sonntags zum Brunchen an der Total Tankstelle im nächsten Dorf treffen muss. Und ja, mit Brunchen meine ich das um die Autos Herumstehen und ja, es ist genau so, wie man es sich vorstellt und ja, es sieht auch genau so aus und ja, wenn auch politisch angeblich unkorrekt, man sieht es ihnen an.

Und nein, es ist dort wirklich anders, als in anderen Ecken Deutschlands. Ich habe jetzt schon fast überall in Deutschland gewohnt. Ich kenne Dörfer und ich kenne das Saarland und ich kenne Hamburg, München, Köln und eine Menge hässlicher Zwitter dazwischen.

Die Frage, die sich viele Stellen, warum gerade immer dort im Osten, am Arsch der Republik, die lässt sich natürlich mit der Frisur alleine nicht erklären und ja, Assis gibt es überall und Deppen und Nazis und Menschen, die dann doch nicht in die Schublade passen und nicht mal zugezogen sind.

Dafür sind in genau der Gegend eine Menge weg gezogen. Eine Menge mehr, als aus dem Saarland oder Brunswick. Und die, die geblieben sind, sind jetzt deckungsgleich die, die wir in der Tagesschau sehen und über die wir uns auf Twitter so schön lustig machen können.

Die sind dort Bürgermeister, Polizeibeamte, Lehrer, Bäcker, Fahrlehrer, Bauarbeiter oder nichts davon, weil nach dem VEB Kombinat Chemische Werke nichts mehr drin war, außer Stempeln gehen.

Und nein, liebe Genderübersensibelchen (war ja auch wieder kurz davor, den Begriff Nazi hier zu verwenden; aber ich bin gerade dabei, mir das abzugewöhnen und auch dazu gleich noch mehr) – ich habe nicht die Ärztinnen und Arbeitslosinninnen vergessen, sondern bewusst nicht verwendet, da schlicht in der Unterzahl.

Alles Dinge, die wir eigentlich wissen und so gerne unter den Verdrängungsteppich kehren und es sind ja nicht alle so, als soll sich der verlassene Rest bitte nicht so anstellen.

Tut er aber. Nicht nur auf dem Sozial- und Arbeitsamt, sondern sonst auch immer schön hinten; zumindest hätten wir das gerne. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Aus der Mitte an den Rand.

Nur ist unser Rand deren Mitte. Allerdings haben wir unseren Augen das ja abtrainiert. Wir tun eine Erklärung lieber als Entschuldigungsversuch ab. Deren Versagen sieht in den eigenen Augen immer besser aus, als das eigene.

Die Erklärungen sind in aller Regel immer genau so simpel, wie die Parolen derer, die wir nicht verstehen wollen. Denn dann müssten wir uns eingestehen, dass wir eigentlich ganz simple Wesen sind.

Und wer will das schon gerne. Simpel, wie wir nun mal gestrickt sind, verwechseln wir simpel ja auch mit Intelligenz. Alle doof, außer ich. Ich Mitte, du rechts.

Das ist wie mit den Hipstern. Alle Hipster, außer ich. Und auch die kann man so wunderbar auslachen und Witze über sie reißen. Es wird sich nie einer angesprochen fühlen.

Dafür gesellt sich gleich und gleich und gleicher; egal ob Hipster, Nazi oder Twitterer. Und das und die sind völlig austauschbar und eventuell sogar identisch. Aber egal, in welcher Rolle, angesprochen fühlt sich doch wieder keiner.

Weil es schlicht der falsche Ansatz ist.

Genau aus diesem Grund verbiete ich mir mittlerweile den Nazi Stempel oder den Idioten Stempel. Nein – über Hipster mache ich mich weiter lustig. Ich darf das. Ich erinnere mich nämlich noch an all die Dinge, die ich getrieben habe, als ich noch jung, schlank und am Leben war. Ich bin mit blond-blauen Haaren im Rock und in Plateauschuhen nachts durch Berlin, Frankfurt, Kassel gestolpert und fand mich toll. So mancher heutige Bart sieht dagegen richtig gut aus.

Aber man richtet sich halt nach seinem Umfeld, man will schließlich dazu gehören. Ja, auch du! Du, der du es nur ironisch meinst und ja viel schlauer und viel mittiger bist, als der erbärmliche Rest am Rande der Republik.

Du hattest vielleicht und zu deinem eigenen Glück ein anderes Umfeld. Dein erstes und einziges Lagerfeuer war hoffentlich nicht nur braun eingefärbt und dir hat man vielleicht beigebracht, dass es nicht OK ist, sich auf das Leid und Elend anderer einen runter zu holen, nur, um ganz kurz Auszeit vor der eigenen Erbärmlichkeit zu haben.

Genau das ist nämlich das eigentlich Problem.

Wie erbärmlich muss das eigene Leben sein, wenn man es nötig hat, auf Menschen, denen es vermeintlich schlechter geht, herum zu hacken, um sich kurzzeitig besser und zugehörig zu fühlen?

Wie erbärmlich muss ein Staat als Ganzes sein, der 10, 15 oder gar 20 Prozent seiner Bürger so dermaßen rechts liegen lässt, dass alles, was ihnen anscheinend bleibt, um ein wenig vermeintliche Anerkennung, ein wenig Zugehörigkeitsgefühl entwicklen zu können …

Und an dieser Stelle scheidet sich immer mein eigener kleiner Geist. Denn dann frage ich mich immer, ob es wirklich darum geht.

Geht es wirklich um zu viele vernachlässigte Männer in einem öden Landschaftshaufen, die zu wenig in den Arm genommen worden sind? Und einer vereinzelten braun-lila eingefärbten Peggy, die nichts anderes kennen gelernt hat?

Wenn ich mich gerade mal wieder beschissen fühle, dann kann ich mir einen runter holen oder mit dem Ollerum spielen und schon geht es mir besser.

Nur ist das große Gruppenwichsen für alle Sachsen wirklich die Lösung?

Ich glaube ja, es geht um eine ganz andere Frage:

Wie viele Polizisten braucht man, um ein Haus zu durchsuchen?

In unserem Land braucht man dafür entweder 0 bis 2 oder 500 plus 30 Schäferhunde, 2 Helikopter und 25 Wannen.

Das gute an AFDlern und Nazis – dem Rechten Gesocks an sich – ist ihre allgemein akzeptierte Liebe zum Geld. Genauer gesagt, zu unserem Geld. Geld ist nämlich immer unser. Zumindest ist das DAS gute Geld. Für UNSER Geld reichen zwei Beamte.

Bei dem schlechten Geld – also bei eurem Geld – da rückt dann die gesamte Polizei Berlins aus. Von unserem, also dem guten, Geld finanziert natürlich.

Wenn ich besorgt bin um unserer Geld, dann ist das gut. Dann ist das Seehofer und Co approved (mir fällt kein passendes deutsches Wort ein, akzeptiert trifft es nicht ganz, abgesegnet schon eher – aber auch nicht wirklich). Mache ich mir allerdings Sorgen um die Menschen, wegen deren ganzen Geld und der Frage, was es anrichtet – dann ist das BÖSE und dann müssen die Hunde und die Helikopter ran.

Es gibt bei uns nämlich eigentlich kein Links und kein Rechts. Es gibt nur gut und böse. Und auf dem guten Auge sind wir blind. Denn das ist unsere Mitte. Und die ist dem Michel heilig.

Man darf sich sorgen, so lange es um das eigene Geld geht. Sorgt man sich allerdings um das Geld anderer, dann wird man vom Staatsschutz jahrzehntelang überwacht.

Wirft man aus Sorge Granaten auf Menschen, dann ist das zwar nicht wirklich so ganz OK, hat aber bestimmt gar nichts mit Rechts zu tun – protestiert man aus allerdings Sorge um das Geld der anderen in Frankfurt vor der EZB, dann ist da so gar nicht gut. Dann ist das Terror und dann kennen wir auf einmal auch wieder Richtungen; also die eine. Das ist dann die Richtung, in die die Wasserwerfer auch seltsamerweise immer zielen können.

Und genau das ist auch der Grund, warum die Polizei Sachsen immer mit allem durchkommt.

Linke Pfarrer mahnen = böse!
Besorgte Menschen pöbeln = verhältnismäßig

Wo ist denn der #Aufschrei? Welcher Politiker hat denn wirklich mal auf den Tisch gehauen? Aber wehe, du spendest der Roten Hilfe …

Wir werden in Deutschland nichts – aber auch absolut gar nichts – ändern, wenn wir nicht endlich mal anfangen, etwas genauer und differenzierter zu schauen und die Dinge beim Namen zu nennen.

Und Nazi oder Idiot sind keine Namen; es trägt ihn auch keiner.

Wie soll man denn unerwünschtes Verhalten abstrafen, wenn es nicht mal öffentlich kritisiert wird, da es ja immer noch das gewünschtere Verhalten ist.

Mitgefühl, Verständnis – Empathie sind Dinge, denen man in unserem Land 500 Polizeibeamte auf den Hals hetzt. Mit Sorgen um das eigene Geld füllt man Bierzelte, gewinnt man Wahlen und kommt vermeintlich im Leben weiter.

Man kann keinen Hund dafür bestrafen, dass er vors Asylantenheim pinkelt, wenn man ihm von Morgens bis Abends zum Komasaufen ermuntert.

Alles, was dabei herauskommt, ist ein verwirrter Hund, der unter lauter verwirrten Hunden aufgewachsen ist, für die das alles völlig normal ist.

Ich weiß, es ist ein leicht hinkender Hund und mir tun die richtigen auch leid, bewahren die sich in aller Regel eine Grund-Empathie, eine Grund-Liebe, auch wenn sie jahrelang in der falschen Umgebung aufgewachsen sind.

Ich habe den schwachen Vergleich nur gewählt, weil wir uns – auch wenn wir uns gerne das Gegenteil einbilden – nicht viel unterscheiden. Wir machen das nach, was wir vorgemacht bekommen und wir verstärken die Dinge, wir wiederholen die Dinge, von denen wir als Rückmeldung bekommen, dass sie gewünscht sind.

Wir haben in unserer Bertelmannschen Freiluftversuchsanstalt jahrzehntelang eingetrichtert bekommen, dass man es zu etwas bringen muss und dass man dieses Etwas nur schafft, wenn man sich Sorgen um das eigene Geld macht; dass dieses Etwas direkt mit Geld gleichgesetzt werden kann. Und wenn du dieses ominöse Etwas nicht geschafft hast, dann bist du ein Versager, der sich keine unnötigen Dinge mehr kaufen kann und dann schauen wir auf dich herab und hocken dich in Lehrgänge, in denen du noch mal so richtig schön vor Augen geführt bekommst, was das gewünschte Ziel ist und was für ein Versager du doch bist und vermutlich immer bleiben wirst.

Und wenn du dich – abgerichtet, wie ein armer Hund, abgerichtet, wie ein ZDF Fernsehgartenzuschauer – dann dementsprechend verhältst, dann wundern sich die Menschen, die es vermeintlich geschafft haben, ein wenig.

Und die, die sich wundern, sind selber so abgerichtet worden, dass sie sich auch nur innerhalb ihres eigenen Blickwinkels wundern können.

Die Fahrt mit der S-Bahn kann man nämlich auch in die andere Richtung antreten. Und auch dann nimmt nicht jeder die Veränderung hinter Adlershof war. Und selbst, wenn man eine wahrnehmen sollte, ist ja immer noch die Frage, was einem das eigene Hundetraining erlaubt und/oder vorschreibt.

Neid? Bedauern?

Die Sachsen Bubble gibt es, zumindest für so machen Sachsen, ja auch genau so andersherum. Das ist dann die Berliner Bubble, auch gerne die Berliner Politik genannt. Ja, auch als AFDler mit eigenem Asylantenheim kann man Neusprech.

Das, was wir jetzt erleben, ist erst der Anfang. Und ich würde mich hüten, es 'sich wiederholende Geschichte' zu nennen.

Das, was wir jetzt erleben, hatten wir so noch nicht. So lange gibt es unser allmächtiges System das Kapitalismus im Endstadium noch nicht. Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen wirklichem Hunger und künstlich erzeugtem, künstlich eingeredetem Hunger.

Wie wir darauf reagieren, ist allerdings keine andere Sache, sondern gleich; mit Futterneid und Aggression.

Und um dagegen anzugehen, müsste man den vermeintlichen Hunger abstellen. Aber das ist ja nicht gewollt. Wer den Hunger aller stillen will, ist suspekt bis Terrorist; auf jeden Fall unerwünscht und ein Fall für den Staatsschutz. Wer den Hunger anheizt, ist in der Politik, im Vorstand und von Staat und der Verfassung geschützt.

Da will man nicht mehr wichsen, da will man nur noch Kotzen und so viel kann man gar nicht fressen, sei der vermeintliche Hunger auch noch so groß …