Wenn rechts ziemlich weit unten hängt


Sonntags früh, wenn die meisten von euch noch friedlich schlafen und der Ollerum mich wieder aus dem Bett geschmissen hat und das Wetter schön ist, dann hole ich mein Opa-Auto aus der Garage und mache Ausflug.

Ausflug macht nur Spaß, wenn man kilometerweit keinem begegnet und man nicht permanent jemanden vor der Nase hat, der auch alleine auf der Welt zu sein scheint.

Um also alleine auf der Welt zu sein, und wenn es nur für ein paar Stunden an einem Sonntag Morgen ist, muss man allen anderen, die auch alleine auf der Welt sind, aus dem Weg gehen.

Dies gelingt relativ einfach, wenn man süd-östlich aus Berlin heraus fährt und sich immer Richtung Polen hält und dabei die kleineren Straßen durch die noch kleineren Dörfer einschlägt.

Letzten Sonntag habe ich es geschafft, eine komplette Stunde lang bei Sonnenaufgang keiner Menschenseele zu begegnen; dafür standen unzählige Rehe nebst Nachwuchs in der Gegend und auf der Fahrbahn rum.

Das war richtig schön.

Was dagegen nie so schön ist, ist die Tatsache, dass man, je weiter man Richtung Polen kommt, die NPD und Co Wahlplakate anfangen immer tiefer zu hängen.

In Berlin würde so ein Schild keine Minute überleben. Zwanzig Kilometer weiter draußen hängen die auf Augenhöhe für Wochen.

Vierzig Kilometer weiter draußen gibt es dann mehr von der Sorte als von allen anderen Parteien zusammen.

Lachen muss man, wenn sich doch da doch tatsächlich eines von der FDP zwischen den zerbröckelnden Häuser und aufgegebenen Geschäften verirrt hat.

Wenn man dann in Polen angekommen ist, dann werden die Straßen auf einmal wieder besser, in kleinen Dörfern gibt es immer mindestens einen geöffneten Lebensmittelladen und selbst das mobile Internet ist schneller - aber das ist eine andere Geschichte für einen anderen Zeitpunkt.

Zurück zu den fast am Boden kratzenden und zum großen Teil menschenverachtenden Plakaten, die unbehelligt in der Mitte eines Dorfes in Deutschland hängen können; in der Mitte so verdammt vieler Dörfer in Deutschland.

Ich war schon lange nicht mehr in Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland und Co - aber man kann wohl erahnen, was dort für Schilder hängen könnten - und seien sie auch nur die Bretter vor den Köpfen so mancher Dorf- und auch Stadtbewohner.

Und da gibt es tatsächlich noch Menschen, die sich wundern, warum die Europa Wahl so ausgegangen ist.

Jetzt wartet mal, bis die Schilder in diesem Land weiter vor dringen und auch in größeren Städten wieder immer weiter unten hängen können.

Die AfD hat in manchen Regionen bei uns zehn Prozent und mehr erreicht. Und das nicht nur (aber natürlich auch) kurz vor Polen.

Selbst unsere Merkel ist jedes noch so ärmliche Mittel lieb; wenn in trüben Gewässern gefischt werden muss, dann macht auch sie sich braun dreckig.

Und in dem Farbbereich haben Logik, Fakten, Zahlen und Anstand nichts verloren.

Nun ist es ein Einfaches den digitalen, voll gefressenen, überheblichen Zeigefinger am Schreibtisch einer 20-Euro-Kaltmiete-Wohnung zu erheben und sich anschließend zurück zu lehnen.

Ich habe leider keine Zahlen gefunden - aber ich wette, die allermeisten, die gegen eine Bebauung des Tempelhofer Feldes waren, wohnen halbwegs gescheit, halbwegs mittig, halbwegs bezahlbar und fahren am Wochenende mit ihrem Auto dahin, um mal kurz etwas Sonne zu tanken und ungelenk auf den Rollerblades die anderen zu nerven.

Ja, das ist plump, das ist polemisch und dennoch wohl ziemlich nahe an der Realität und vor allem geht es um einen wichtigen Punkt:

Es gibt immer zwei Seiten und alles hängt zusammen.

Man hätte dort auch bezahlbare Wohnungen bauen können, so man das irgendwie in einen Volksentscheid gepackt hätte.

Als es darum ging, sich aus der Vattenfall-Klaue zu befreien, da waren die, die den Unterschied hätten machen können, nicht 'betroffen' genug.

Das folgende kann man jetzt missverstehen, so man denn will. Man muss es aber nicht. Es gilt aber genau so für andere Städte, Stadtteile und eben auch Länder.

Fahrt mal aus Mitte, dem Prenzlberg, Charlottenburg (der schöneren Ecke) heraus und stellt euch mal für ein paar Minuten im Wedding oder in Neukölln hin.

Die Menschen haben andere Sorgen als ich. Das kann man sehen, das kann man spüren, so man den will.

Das vergisst man nur so leicht und so schnell; daheim im Elfenbeintürmchen.

Und der Unterschied ist nicht harte Arbeit, Ehrgeiz, Faulheit oder was es da noch so an Schimpfworten gibt.

Der Unterschied ist ganz oft reines Glück und eben der Standort.

Auch das vergisst man so ganz schnell, wenn man Glück hatte und am richtigen Ort aufgewachsen ist und lebt.

Das führt dann dazu, dass man ein paar Kilometer hinter Berlin erst einmal geneigt ist, mit dem Kopf zu schütteln, ob der vielen (zu) tief hängenden rechten Plakate.

Automatisch; weil wir Menschen sind.

Nur die Plakate wurden auch nur von Menschen aufgehängt und andere Menschen lassen sie hängen.

Weniger Glück. Falscher Ort.

Nein, das ist natürlich keine Entschuldigung - aber eine Erklärung.

Und nein, ich habe keinen Zusammenhang zwischen diesen Orten, diesen Plakaten, Menschen und dem Wedding hergestellt und eine Verallgemeinerung getroffen; dies nur noch mal in aller Deutlichkeit.

Was ich allerdings deutlich machen wollte, ist die Tatsache, das 'andere' Orte oft nur ein paar Kilometer weit entfernt sein können.

Und das alles was wir tun Auswirkungen hat; Auswirkungen auf unsere Umgebung.

Ungläubig mit dem Kopf schüttelnd an Plakaten vorbei zu fahren dürfte nur nichts an ihnen ändern.

Notiz an mich selber: Sich eine Gotcha-Pistole für den nächsten Ausflug anzuschaffen mag zwar Spaß machen, helfen dürfte es auch eher wenig.

Sollte ich mich bis jetzt mit so mancher Aussage hier noch nicht unbeliebt genug gemacht haben, dann kann ich da jetzt noch einen drauf setzen:

Die Schuld an solch tief hängenden Plakaten und dem Ausgang der EU-Wahl, die Schuld tragen nicht die Personen, die die Plakate aufgehängt haben.

Die Schuld tragen wir, die wir die Plakate nicht direkt wieder herunter geholt haben und vor allem tragen wir die Schuld dafür, dass sie überhaupt erst aufgehängt wurden.

Wenn das einzige Lagerfeuer in 50 oder 100 Kilometer Umgebung, das du als Kind/Jugendlicher erlebt hast, mit 'rechtem' Gedankengut finanziert und organisiert wurde, dann hat das Auswirkungen.

Wenn das Glück nicht ganz so vorhanden und der Ort falsch, die Wut, die Ohnmacht und der Frust nur lange genug genährt wurden, dann ziehen irgendwann nur noch ganz simple Sprüche.

Es sind die ganz simplen Parolen, die dieses Mal überall in Europa 'gewonnen' haben und die Aussichten stehen schlecht, dass sich daran so schnell etwas ändert.

Und nicht die Menschen mit diesen Parolen müssen sich als erstes ändern.

Auch das vergessen 'wir' an unseren mit etwas mehr Glück behafteten Standorten - und den daraus für uns so selbstverständlich resultierenden Standpunkten - so gerne und so schnell.

Ja, so Dinge gehen einem durch den Kopf, während man an Bambis und NPD Plakaten der Sonne entgegen fährt. Vorbei an bröselnden Bushaltestellen, an denen Sonntags schon seit Jahren kein Bus mehr gehalten hat.

Sie sollten uns noch viel öfter durch den Kopf gehen …